Stimmen der Betroffenen

1.)

„Für mich ist es schwierig, ohne Bewilligung, ohne Arbeiten, und ohne Wohnung. Wenn jemand schon sechs, sieben Jahre in der Schweiz ist und immer noch nicht Arbeiten darf; das finde ich sehr schwierig. Wir sind Menschen, nicht Tiere, wir brauchen etwas Freiheit. Ohne Bewilligung, ohne Arbeit ist das Leben ein Gefängnis. Wenn jemand kein Problem hat in seiner Heimat, warum sollte er sich dazu entscheiden, in dieser schwierigen Situation als Person in der Nothilfe zu leben? Es ist schwierig, sehr schwierig. Ich denke, niemand verlässt sein Land einfach so, und geht in ein Land, wo er die Sprache nicht versteht, verlässt seine Familie, ist nachher alleine. Niemand verlässt sein Land weil er will, sondern weil ihm keine andere Wahl bleibt. Vielleicht gibt es Leute, die kommen nur zum Arbeiten. Aber ich komme aus einem Land, in dem eine Diktatur herrscht. Ich bin gekommen, weil ich dort Probleme hatte. Ich fühle mich hier wie ein Tier im Käfig.
Warum? Wenn ich zum Amigra gehe, hatte ich früher viel Angst. Dort werde ich nicht nett behandelt. Sie sagen, du musst die Schweiz verlassen, du hast hier keine Chance. Ich sage, ich kann nicht gehen. Wenn ich in mein Land gehe, dann werde ich ermordet. Hier kann ich wenigstens leben. Ein Tier in der Schweiz hat ein gutes Leben, zum Beispiel ein Hund oder eine Katze. Aber ich denke, wir sind unter diesen Tieren. Ich schäme mich, das zu sagen, aber das ist die Wahrheit. Ich wünsche mir, dass ich hier arbeiten und leben kann. Wenn jemand schon lange hier lebt, muss das Leben doch irgendwann ruhig werden und der Stress vorbei gehen. Eine Bewilligung wünsche ich mir, die Möglichkeit zu arbeiten, eine Wohnung zu suchen. Ich wünsche mir, dass ich eine Bewilligung bekomme, damit ich endlich wie ein Mensch leben kann.“

2.)

„Mich stört, dass unser Raum viel zu klein ist. Wir haben einen sehr kleinen Raum. Wir haben immer sehr viel Stress. Die Küche ist sehr klein, und manche nehmen einfach unsere Sachen. Das nervt total. Das kleine Haus nervt auch sehr.
Ich möchte gerne, dass unser Haus leiser ist, ein bisschen Ruhe hat, dass ich keinen Stress mehr habe. Und ein grösseres Zimmer, ein schönes Zimmer wünsche ich mir. Ich wünsche mir, dass ich die ganze Familie wieder sehen kann.
Ich will, dass meine Familie die Bewilligung kriegt. Und ich auch.“

3.)

„Ich mag die Art nicht, wie ich hier in der Schweiz lebe. Es frustriert mich. Ich kann nicht in die Schule gehen, ich kann nur zuhause rum sitzen. Ich bin doch noch so jung. Ich bin zu jung um nur zu Hause zu sein! Der Ort, an dem ich leben muss ist nicht gut für mich. Nicht für mich und sowieso nicht für mein Kind. Es macht mich frustriert. Diese Art von Stress, in dem wir leben müssen hier in der Schweiz, das ist einfach nicht gut. Ich wünsche mir wirklich, dass ich etwas zu tun habe. Zum Beispiel in die Schule gehen. Ich wünsche mir, dass ich eine Bewilligung bekomme. Das würde mich glücklich machen. Naja und das Geld: Ich kann nicht sagen, es ist nicht in Ordnung dass wir es bekommen; aber wirklich: es ist nicht viel, es ist zu wenig für uns, um zu essen und zu leben.
Ich hoffe, dass sich eines Tages alles zum Guten wenden wird.“

4.)

„Am meisten stört mich im Moment, dass ich keine Adresse habe, ich kann mich also nirgend registrieren. Zum Beispiel habe ich eine neue Postcard bekommen. Doch es geht nicht mit der c/o Adresse.
Und wenn ich an meine Familie denke, zum Beispiel meine Mutter und mein Vater: sie dürfen nicht arbeite. Sie bekommen nur zehn Franken pro Tag, das ist auch ein wenig, sie soll ich sagen, eingeschränkt. Du darfst nicht arbeiten, aber bekommst nur zehn Stutz. Es wäre gut wenn sie arbeiten dürften, oder wenn sie sogar selber Arbeit suchen dürften.
Und dann will ich ein normales Leben haben. Ein normales Leben, das heisst, dass ich wirklich selber verdienen kann, ohne Hilfe von irgendwo.
Ein Haus mieten, und so weiter.“

6.)

„Das Schwierigste ist, dass man ohne Ziel, ohne Rhythmus im Leben sein muss. Das ist das Schwierigste für die Leute, die in der Nothilfe leben, finde ich. Mit der Zeit werden die Leute krank. Weil es keinen Lebensrythmus gibt. Das finde ich ein grosses Problem. Das ist systematisch, wir können das nicht verändern. Das ist systematisch, es müsste in der Politik eine Veränderung geben. Wie zum Beispiel vor sechs Jahren: Wenn jemand negativ Entscheid bekommen hatte, und ins Gefängnis gehen sollte, durfte er arbeiten im Gefängnis. Sogar das haben sie gesperrt. Solche Sachen müsste die Politik verändern. Sonst gibt es nichts, wir können nichts tun. Es muss politisch etwas verändert werden, sonst bleibt es immer so.
Vor allem sollte das Amigra in diesen Situationen mit uns als Menschen umgehen. Nicht so, als wären wir nur Papier. Menschlich.
Meine Erfahrung im Amigra: jemand hat mir einmal im Büro gesagt: „wir wollen euch begraben“. Solche Sachen sind psychischer Terror. Psychische Folter. Von einem Freund habe ich gehört, dass sie ihm gesagt haben, er mache mit seiner Farbe die Schweiz schmutzig. Jeder hat eigene Erfahrungen. Manche haben Angst, diese zu sagen. Es gibt viele Sachen. Das Mindeste in solchen Situationen sollte sein, dass Ämter und soziale Dienste wie das Amigra mit Menschen als Menschen umgehen. Nicht so, als wären wir hier zu viel. Wir sollten sagen dürfen, was wir wollen. Ich hoffe, dass es in der Politik eine grosse Veränderung gibt, und dass nicht nur wirtschaftliches so wichtig ist. Ich habe das Gefühl, in der Schweiz ist Wirtschaft als erstes in der Politik. Ich finde es wichtig, dass Menschenrechte vor der Wirtschaft kommen. Ich wünsche mir, dass die Schweizer ein bisschen aufmerksam sind. Dass sie sehen, dass hier in diesem schönen Land, das viele aufgebaut haben, dass hier etwas unmenschliches passiert. Ich wünsche mir, dass sie das verstehen und versuchen, es zu verändern.“

7.)

„Leben in der Nothilfe ist schwierig und mühsam. Wir haben eine begrenzte Umgebung. Wir sind nicht frei, wir haben ganz wenige Möglichkeiten, uns zu bewegen. Wir müssen nur überleben. Das macht mit der Zeit müde, es ist ist schwierig und mühsam. Das macht Leute mit der Zeit depressiv. Wir haben keine Perspektive, wir können uns nicht bewegen, wir haben kein Geld, wir haben keine Möglichkeiten. Wir haben keinen Plan für die Zukunft. Das ist meine Meinung.
Meine Hoffnung ist, ein normales Leben zu führen, wie ein normaler Mensch. Am Morgen früh aufstehen, zur Arbeit gehen, ein ganz normales Leben. Ich möchte nicht reich sein, ich brauche nicht viel Geld. Einfach ganz normal leben, wie alle Menschen auf dieser Welt. Das haben wir hier nicht, und in unserem Heimatland sowieso nicht. Man weiss nicht, wohin zu gehen. Ich bin jetzt seit ein paar Jahren in der Nothilfe. Mit der Zeit wird es schlimmer. Jetzt ist es schlimm. Ich hatte im letzten Jahr schon mehrere Male Depressionen. Zum Glück war es nicht so schlimm. Aber das ist ganz normal. Wir sind hier seit mehr als zehn Jahren. Meine Hoffnung ist, arbeiten zu gehen oder etwas zu machen. Das ist das Minimum, das sie uns geben sollten. Meine Hoffnung ist, dass sie uns anschauen, dass sie nicht nur unsere Dossiers anschauen. Meine Hoffnung ist, dass sie die Dossiers eines Tages schliessen. Wir sind auch Menschen. Wir brauchen auch ein Leben als Menschen. Das ist meine Hoffnung.“

8.)

„Alles ist schlimm, wenn man keine Papiere hat. Ich bekomme jeden Tag 10 Franken in Gutscheinen. Aber ich darf nicht arbeiten. Man darf nichts machen hier. Ich darf nicht arbeiten, ich darf nichts sagen, ich darf nichts. Alles ist ‚du darfst nicht‘.
Alles ist verboten. Das ist ein grosses Problem. Alles ist schlimm, ich sehe keinen positiven Punkt.
Ich wünsche mir, ein normales Leben zu haben. Papiere zu haben. Ein normales Leben zu haben, wie alle Leute hier.
Leute im Amigra sagen immer: „Du musst die Schweiz verlassen, und gehen.“ Ich antworte immer: „Ich kann nicht.“
Sie sagen: „Du bist illegal und du musst die Schweiz verlassen.“
Sie wollen nicht zuhören.
Respekt ist für mich, zu zuhören und zu sprechen, nicht nur zu sprechen. In diesen fünf Jahren ist es immer dasselbe: Sie fragen, ich antworte, sie fragen, ich antworte.
Aber alles bleibt immer gleich. Sie hören mir nie zu, ich bekomme keine Antworten. Keine Hilfe, nichts. Da wird man müde zu antworten.
Ich habe mehrmals gefragt, ob ich ein anderes Zimmer haben kann, wir sind zwei in einem Zimmer. Keine Antwort. Seit zwei, drei, vier, fünf Jahren. Diese Situation macht einen kaputt.“

9.)

„Ich habe eine Busse bekommen, weil ich illegal bin in der Schweiz. Ich konnte es nicht bezahlen. Dann musste ich ins Gefängnis. Das macht mich wütend. Ich kann ohne Bewilligung nicht leben. Ich kann nicht weggehen, ich habe meine Fingerabdrücke in der Schweiz abgegeben.
Einmal hat mir jemand im Amigra gesagt: „Es interessiert mich nicht, ob Menschen bei euch sterben oder nicht.“ Manchmal habe ich das Gefühl, einige Leute haben die Menschlichkeit im Herz verloren wegen dem Gesetz. Das Gesetz ist nicht immer gerecht.
Mein Herz ist voll Schmerz, es ist hart, wie Holz. Das finde ich schlimm. Früher war es nicht so hart. Was kommt noch?“

10.)

„Wenn ich im Amigra bin, habe ich oft das Gefühl, es wird ein Spiel gespielt. Wenn jemand ein Wort sagt, wird das manchmal falsch weiter verwendet, gegen diese Person. Manchmal bringen sie Papiere, die man nicht versteht. Sie sagen, man soll das unterschreiben. Wenn man nicht unterschreibt, dann macht es jemand von ihnen.
Ich wünsche ich mir, dass alle Menschen gleich behandelt werden. Nicht so, dass Europäer und Nicht-Europäer unterschiedlich behandelt werden.
Im Amigra sagen sie dir: du kannst zurück in dein Land, du bist sicher dort. Aber es ist nicht so. Es ist nicht sicher in einer Diktatur, wo du nicht einmal eine Internetseite haben kannst. Sie sagen dir, du kannst dort leben, du musst dich ja nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Du musst dich ja nicht zum erkennen geben, du musst nicht zeigen, dass du deine Religion geändert hast. Die Situation in der Nothilfe macht mich krank. Ich musste oft den Ort wechseln. Ich musste ins Gefängnis, für mehrere Monate. Ich bekomme Bussen, ich muss bezahlen für Rekurse. Jedes mal schreibe ich zurück: Sobald ich arbeiten darf, zahle ich alles zurück, ich bin kein schlechter Mensch. Aber ich darf nicht arbeiten, wie soll ich also die vielen Bussen bezahlen?“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s