Polizeigewalt gegen Demonstrantinnen und Demonstranten in Luzern

800 friedlich demonstrierende Menschen befanden sich auf dem letzten Stück zum Pavillon, wo Konzerte, Essen und Reden auf sie warteten, als sich gut ein Duzend Polizistinnen und Polizisten in Kampfmontur und ohne eine Verwarnung ausgesprochen zu haben, auf die vordersten Personen stürzte. Die friedliche Menge, darunter viele Kinder und ältere Personen, war mit Musik und Parolen rufend durch Luzern gezogen. Ziel war es, gegen kapitalistische Missstände und für Menschenwürde zu demonstrieren. Dabei wurde die bunte und gut gelaunte Menge wie jedes Jahr von einem Polizeifahrzeug begleitet, einige wenige Polizistinnen und Polizisten waren unterwegs präsent.
Auf der Seebrücke attackierten plötzlich 15 Polizistinnen und Polizisten die Demonstrierenden mit Schlagstöcken, Pfefferspray und Tränengas. Gleichzeitig sperrten weitere 30 auch in Kampfmontur den Rückweg ab. Die Brutalität, die die Polizistinnen und Polizisten bei ihrem Übergriff an den Tag legten, machte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sprachlos. Immer wieder schlugen sie mit Schlagstöcken auf schon am Boden liegende Personen ein. Das Tränengas löste bei einigen Personen Atemprobleme aus. Vier Personen wurden verhaftet. Das Schockierende am Polizeieinsatz war die gezielt brutale Art des Übergriffs auf einen friedlichen Demonstrationszug. Die Polizistinnen und Polizisten hatten sich hinter Kastenwägen versteckt und gewartet, bis sich die Menschen auf der Seebrücke befanden.
Die Gruppe Würde statt Hürde verurteilt die erlebte Polizeigewalt, die sich gegen friedliche
Menschen an einer bewilligten Demonstration richtete, auf Schärfste! Weder die Vermummung von einigen wenigen Personen, noch das Zünden von Feuerwerkskörpern legitimiert eine Attacke mit Schlagstöcken und Tränengas, zumal zu keiner Zeit ein aggressives oder Dritte gefährdendes Verhalten beobachtbar war. Der Polizeieinsatz war absolut unverhältnismässig. Die von der Polizei als illegal bewertete Vermummung hätte, wenn schon,
verhältnismässigerweise mit einer Busse abgehandelt werden können. Die Gruppe Würde statt Hürde ist besorgt und empört über das gezeigte Mass an Brutalität und Gewaltbereitschaft seitens der Polizei gegenüber von friedlich demonstrierenden Personen und ist gespannt, wie die Polizei sie zu legitimieren versucht.

Aktion Würde statt Hürde

Pressecommuniqué zur Bleiberecht-Demonstration in Luzern

Pressecommuniqué vom 28. März 2015
AKTION WÜRDE STATT HÜRDE

Bleiberecht-Demonstration in Luzern

Am Samstagnachmittag zogen 350 Menschen lautstark demonstrierend durch Luzern. Aufgerufen dazu hatte die Gruppe Bleiberecht Luzern. Die Demonstration stand unter dem Motto KEIN MENSCH IST ILLEGAL. Die Aktion Würde statt Hürde, die am Montag das Amt für Migration in Luzern besetzte hatte, realisierte einen Gastauftritt an der Demonstration: die Stimmen der von der Unmenschlichkeit des Schweizer Asylsystems betroffenen Personen erklangen über Lautsprecher in der Altstadt und bewegten mit Erfahrungsberichten über ihr Leben in der Schweiz die anwesenden Passantinnen und Passanten. Beispielsweise berichtete eine Person: „Wenn jemand schon sechs, sieben Jahre in der Schweiz ist und immer noch nicht arbeiten darf; das finde ich sehr schwierig. Wir sind Menschen, nicht Tiere, wir brauchen etwas Freiheit. Ohne Bewilligung, ohne Arbeit ist das Leben ein Gefängnis.“

Die Aktion Würde statt Hürde fordert die Regularisierung von allen Sans-Papiers und ein menschenwürdiges Leben für alle Menschen! Um dieses Ziel zu erreichen, wird sie bald weitere Aktionen durchführen.

Weitere Informationen unter:  https://aktion2303.wordpress.com aktion2303@gmx.ch

„Kein Mensch ist illegal“ Demo am 28. März in Luzern!

Sie leben nicht am Rande der Gesellschaft, sondern unsichtbar mitten unter uns. Man nimmt sie nur wahr, wenn man sie zufällig schreien hört. Papierlos oder in einem ungeregelten Aufenthaltsstatus warten sie jahrelang auf eine Antwort.
Wir gehen am 28. März auf die Strasse um unsere Solidarität zu zeigen.

KEIN MENSCH IST ILLEGAL!
BLEIBERECHT FÜR ALLE!

Farbe gegen das Migrationsamt zh – refugees welcome!

Quelle: http://switzerland.indymedia.org/de/2015/03/94697.shtml

In Solidarität mit der Besetzung des Migrationsamts Luzern vom Montag 23.3.2015 wurde in der Nacht auf Dienstag das Amt für Migration in Zürich mit Farbe verschönert. – Refugees welcome! Stop deportation!

Der Farbanschlag ist Ausdruck unseres politischen Kampfes gegen das Konstrukt von Nation und Rasse, welches Menschen in legale und illegale unterteilt. Er ist Ausdruck unserer Ablehnung der kapitalistischen Mechanismen, die die Menschen der Verwertungslogik unterwirft, viele bis aufs Letzte ausbeutet und Krieg und Imperialismus schürt – und so tagtäglich tausende Menschen zur Flucht zwingt.

Solidarisch mit den Aktivist_innen in Luzern, setzen wir ein Zeichen gegen, die Migrationspolitik in der Schweiz und der systematichen Unterdrückung von Migrantinnen und Migranten.

Zäune einreissen! – Grenzen sprengen! – Kapitalismus überwinden!
Internationale Solidarität gegen Aubeutung und Unterdrückung!

Soliaktionen in Bern und Zürich

Wir haben heute in Zürich und Bern ein Transpi gehängt. Mit dieser Aktion solidarisieren wir uns mit den BesetzerInnen des Migrationsamtes in Luzern.
Die destruktive Dynamik des Kapitalismus tritt in Krisenzeiten immer offener zutage. Die Auslagerung von Industriebetrieben zwecks Profitsicherung in ehemals kolonialisierte „Niedriglohnländer“ und die gnadenlose Ausbeutung von Rohstoffen im Trikont zerstört die Lebensgrundlage dort ansässiger Menschen. Täglich verlassen Millionen von Menschen ihr Ursprungsland. Während unzählige von ihnen an den immer besser gesicherten Aussengrenzen Europas sterben, begegnen diejenigen, die es in die Schweiz schaffen immer brutaleren Bedingungen. Verschiedenste sogenannte „Asyl- und Migrationsgesetzgebungen“ wurden in den vergangenen Jahren verschärft. Gleichzeitig werden Rassistische Ressentiments bewusst geschürt. Flüchtlinge werden in „richtige“ und „falsche“ unterteilt. Illegalisierte werden der Ausschaffungsmaschinerie zugeführt oder als SchwarzarbeiterInnen ausgebeutet.
soliaktion2Setzen wir dieser spalterischen Politik unsere antirassistische Klassensolidarität entgegen.
Flüchtlinge bleiben, Bonzen vertreiben!

Auf zur „Bleiberecht für alle“ Demo – 28. März 16Uhr Theaterplatz in Luzern

Pressespiegel

http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Gruppierung-besetzt-Amt-fuer-Migration/story/30293296

http://www.zentralplus.ch/de/news/gesellschaft/3280465/%C2%ABWir-wollen-euch-begraben%C2%BB.htm

http://www.luzernerzeitung.ch/nachrichten/zentralschweiz/lu/luzern/Aktivisten-besetzen-Amt-fuer-Migration;art92,507397

http://www.3fach.ch/blog/mittaxinfo_blog/demo-vor-und-im-amt-fuer-migration

http://www.20min.ch/schweiz/zentralschweiz/story/Aktivisten-besetzen-Luzerner-Migrationsamt-10601801
http://www.nzz.ch/schweiz/gruppierung-besetzt-luzerner-amt-fuer-migration-1.18508091

Medienmitteilung

Pressecommuniqué vom 23. März 2015

AKTION WÜRDE STATT HÜRDE – Besetzung des Amts für Migration
In diesem Moment besetzt eine Gruppe das Amt für Migration (Amigra) in Luzern. Die Gruppierung AKTION WÜRDE STATT HÜRDE macht damit auf die unhaltbaren Missstände in der Asylpolitik, insbesondere in der Nothilfe, aufmerksam. Sie trägt die Stimmen der betroffenen Menschen ins Amigra, damit sie endlich gehört werden.  Auslöser der Aktion sind zwei Suizidversuche von Menschen in Nothilfe aufgrund unmenschlicher Lebensbedingungen. Das hat erneut alarmierend und in aller Deutlichkeit die dramatische Situation von abgewiesenen Asyl suchenden Menschen aufgezeigt. Problematisch an der Situation sind zwei verschiedene Ebenen: Zum einen werden die Menschen, ohne etwas Kriminelles getan zu haben, kriminalisiert und illegalisiert. Gefängnisstrafen und Bussen sind Alltag, einfach nur, weil die Papiere fehlen. Zum anderen sind die Lebensumstände prekär, da unwürdige Notwohnungen und die täglichen 10-Franken-Gutscheine von Coop bei Weitem nicht zum Leben reichen, zumal zusätzlich ein Arbeitsverbot besteht. Auch zu Bildung haben diese Menschen keinen Zugang. Dies alles verunmöglicht ein menschenwürdiges Dasein und eine Integration in der Schweiz. Das Amt für Migration schikaniert die Nothilfe beziehenden Menschen zusätzlich mit willkürlichen Repressalien.

Die Gruppierung AKTION WÜRDE STATT HÜRDE solidarisiert sich.

Wer sind die Sans Papiers?

Zur Zeit leben zwischen 90 000 bis 250 000 Sans-Papiers in der Schweiz. Der Begriff Sans-Papiers („Papierlose“) wurde in Frankreich von irregulären MigrantInnen selber gewählt. Der Begriff bezieht sich auf Menschen, die sich ohne gültige Aufenthaltsbewilligung in einem Land aufhalten. Es gibt Menschen, die bereits ohne gültige Papiere eingereist sind, und Menschen, denen das Aufenthaltsrecht entzogen wurde.  Dafür wird auch der Begriff „illegalisiert“ verwendet, da die betreffenden Menschen durch den Ablauf oder den Entzug einer Aufenthaltsbewilligung von den Gesetzen aktiv „illegalisiert“ werden, ohne sonst mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen. Menschen, die zum Teil seit Jahren legal in der Schweiz leben und einer Arbeit nachgehen, können plötzlich zu illegalisierten Menschen werden.

Dies geschieht unter anderem in solchen Fällen:
– Eine vorläufig aufgenommene Person muss ausreisen und bleibt (Bsp.: SyrierInnen, wenn der Krieg vorbei ist)
– Das Gesuch einer asylsuchenden Person wird abgelehnt und die Person bleibt
– Menschen mit einer Kurzaufenthaltsbewilligung bleiben nach Ablauf der Frist
– Personen mit Ausbildungs- oder Touristenvisa bleiben nach Ablauf der Frist
– AusländerInnen, die nach Ehescheidung oder Tod des/der Ehegatten/in die Aufenthaltsbewilligung verlieren und bleiben
Dies zeigt deutlich: Die „Illegalität“ ist ein politisches Konstrukt. Kein Mensch kann „illegal“ sein. Kein Mensch ist illegal! Nur sein Aufenthaltsstatus wird durch das Gesetz irregulär.

Lebenssituation

Der irreguläre Aufenthalt ist äusserst unangenehm und kann lebensbedrohlich werden. Die dauernde Furcht, entdeckt zu werden – eine enorme psychische Belastung –  und der fehlende Schutz vor Ausbeutung durch Arbeitgebenden oder vor sexuellen Übergriffen sind Beispiele dafür.
Sans-Papiers müssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, schwarz oder grau (ohne Aufenthalts/Arbeitsbewilligung aber mit Abgaben an Sozialversicherungen) arbeiten. Meist tun sie dies in Branchen, die nicht mit Schweizer oder EU/Efta-Arbeitnehmenden abgedeckt werden können: Gastronomie, Hotellerie, Bau-, Reinigungs- und Sexgewerbe, Landwirtschaft und Privathaushalte. Knapp 35 000 Haushalte im Kanton Zürich beschäftigen eine irregularisierte Person als Haushaltshilfe. Die Sans-Papiers haben keinerlei Möglichkeiten sich gegen ausbeuterische Arbeits-verhältnisse zu wehren. 

Nothilfe

Laut Artikel 12 der Bundesverfassung hat, wer in Not gerät und nicht in der Lage ist, für sich zu sorgen, Anspruch auf Hilfe und Betreuung und auf die Mittel, die für ein menschenwürdiges Dasein unerlässlich sind. Zur Ausreise verpflichtete Asyl suchende Menschen haben seit dem Sozialhilfestopp nur noch Anrecht auf Nothilfe.
Die Kantone sind zuständig für die Ausrichtung und Ausgestaltung der Nothilfe. Im Kanton Luzern erhalten Menschen in Nothilfe einen 10.- Coop-Gutschein pro Tag. Die Leute haben so keine Möglichkeit, sich etwa ein Busticket oder eine Telefonkarte zu kaufen.
Männlichen alleinstehenden Männern wird ein Bett in der Notschlafstelle zugewiesen, die tagsüber geschlossen ist. Zudem müssen sich die Menschen täglich beim Amt für Migration melden, was in keinster Weise sachlich zu begründen ist.
Ein Viertel der Langzeit Nothilfe beziehenden Menschen sind Kinder. Die durchschnittlich 8.- pro Tag sind als kurze Übergangslösung gedacht; sie sind nicht ausreichend für ein menschenwürdiges Leben. Die Menschen sollen so aus der Schweiz geekelt werden.
Die Lebensbedingungen der Menschen in Nothilfe sind äusserst prekär. Oft müssen die Menschen in Baubaracken oder fensterlosen Unterkünften schlafen, Kinder wie Erwachsene. Es gibt viel zu wenig sanitäre Einrichtungen, teilweise sind die Räumlichkeiten unbeheizt. Selbst Menschen, die wegen technischen Gründen (keine Transportmöglichkeit, kein Rückschiebungsvertrag) nicht ausgeschafft werden können, erhalten nur Nothilfe und dies teilweise über Jahre.
Zudem müssen die Menschen stets damit rechnen, in Durchsetzungshaft genommen zu werden, die eine Ausreise beschleunigen soll.

In aller Deutlichkeit: Diese Menschen haben sich nicht kriminell verhalten, sie werden in der Schweiz so behandelt, weil sie aus einem Land stammen, dessen BürgerInnen die Schweiz für unnütz hält. Sie gibt ihnen keine Chance sich zu integrieren, die Sprache zu lernen oder zu arbeiten. Sie sollen so schnell wie möglich wieder gehen, zurück in die Länder, in die die Schweiz Waffen exportiert, Schweizer Firmen Trinkwasserquellen aufgekauft haben oder Bodenschätze abbauen. Den betroffenen Menschen eine Chance geben, sich in menschenwürdigeren Verhältnissen aufzuhalten, das will die Schweiz nicht.

Stimmen der Betroffenen

1.)

„Für mich ist es schwierig, ohne Bewilligung, ohne Arbeiten, und ohne Wohnung. Wenn jemand schon sechs, sieben Jahre in der Schweiz ist und immer noch nicht Arbeiten darf; das finde ich sehr schwierig. Wir sind Menschen, nicht Tiere, wir brauchen etwas Freiheit. Ohne Bewilligung, ohne Arbeit ist das Leben ein Gefängnis. Wenn jemand kein Problem hat in seiner Heimat, warum sollte er sich dazu entscheiden, in dieser schwierigen Situation als Person in der Nothilfe zu leben? Es ist schwierig, sehr schwierig. Ich denke, niemand verlässt sein Land einfach so, und geht in ein Land, wo er die Sprache nicht versteht, verlässt seine Familie, ist nachher alleine. Niemand verlässt sein Land weil er will, sondern weil ihm keine andere Wahl bleibt. Vielleicht gibt es Leute, die kommen nur zum Arbeiten. Aber ich komme aus einem Land, in dem eine Diktatur herrscht. Ich bin gekommen, weil ich dort Probleme hatte. Ich fühle mich hier wie ein Tier im Käfig.
Warum? Wenn ich zum Amigra gehe, hatte ich früher viel Angst. Dort werde ich nicht nett behandelt. Sie sagen, du musst die Schweiz verlassen, du hast hier keine Chance. Ich sage, ich kann nicht gehen. Wenn ich in mein Land gehe, dann werde ich ermordet. Hier kann ich wenigstens leben. Ein Tier in der Schweiz hat ein gutes Leben, zum Beispiel ein Hund oder eine Katze. Aber ich denke, wir sind unter diesen Tieren. Ich schäme mich, das zu sagen, aber das ist die Wahrheit. Ich wünsche mir, dass ich hier arbeiten und leben kann. Wenn jemand schon lange hier lebt, muss das Leben doch irgendwann ruhig werden und der Stress vorbei gehen. Eine Bewilligung wünsche ich mir, die Möglichkeit zu arbeiten, eine Wohnung zu suchen. Ich wünsche mir, dass ich eine Bewilligung bekomme, damit ich endlich wie ein Mensch leben kann.“

2.)

„Mich stört, dass unser Raum viel zu klein ist. Wir haben einen sehr kleinen Raum. Wir haben immer sehr viel Stress. Die Küche ist sehr klein, und manche nehmen einfach unsere Sachen. Das nervt total. Das kleine Haus nervt auch sehr.
Ich möchte gerne, dass unser Haus leiser ist, ein bisschen Ruhe hat, dass ich keinen Stress mehr habe. Und ein grösseres Zimmer, ein schönes Zimmer wünsche ich mir. Ich wünsche mir, dass ich die ganze Familie wieder sehen kann.
Ich will, dass meine Familie die Bewilligung kriegt. Und ich auch.“

3.)

„Ich mag die Art nicht, wie ich hier in der Schweiz lebe. Es frustriert mich. Ich kann nicht in die Schule gehen, ich kann nur zuhause rum sitzen. Ich bin doch noch so jung. Ich bin zu jung um nur zu Hause zu sein! Der Ort, an dem ich leben muss ist nicht gut für mich. Nicht für mich und sowieso nicht für mein Kind. Es macht mich frustriert. Diese Art von Stress, in dem wir leben müssen hier in der Schweiz, das ist einfach nicht gut. Ich wünsche mir wirklich, dass ich etwas zu tun habe. Zum Beispiel in die Schule gehen. Ich wünsche mir, dass ich eine Bewilligung bekomme. Das würde mich glücklich machen. Naja und das Geld: Ich kann nicht sagen, es ist nicht in Ordnung dass wir es bekommen; aber wirklich: es ist nicht viel, es ist zu wenig für uns, um zu essen und zu leben.
Ich hoffe, dass sich eines Tages alles zum Guten wenden wird.“

4.)

„Am meisten stört mich im Moment, dass ich keine Adresse habe, ich kann mich also nirgend registrieren. Zum Beispiel habe ich eine neue Postcard bekommen. Doch es geht nicht mit der c/o Adresse.
Und wenn ich an meine Familie denke, zum Beispiel meine Mutter und mein Vater: sie dürfen nicht arbeite. Sie bekommen nur zehn Franken pro Tag, das ist auch ein wenig, sie soll ich sagen, eingeschränkt. Du darfst nicht arbeiten, aber bekommst nur zehn Stutz. Es wäre gut wenn sie arbeiten dürften, oder wenn sie sogar selber Arbeit suchen dürften.
Und dann will ich ein normales Leben haben. Ein normales Leben, das heisst, dass ich wirklich selber verdienen kann, ohne Hilfe von irgendwo.
Ein Haus mieten, und so weiter.“

6.)

„Das Schwierigste ist, dass man ohne Ziel, ohne Rhythmus im Leben sein muss. Das ist das Schwierigste für die Leute, die in der Nothilfe leben, finde ich. Mit der Zeit werden die Leute krank. Weil es keinen Lebensrythmus gibt. Das finde ich ein grosses Problem. Das ist systematisch, wir können das nicht verändern. Das ist systematisch, es müsste in der Politik eine Veränderung geben. Wie zum Beispiel vor sechs Jahren: Wenn jemand negativ Entscheid bekommen hatte, und ins Gefängnis gehen sollte, durfte er arbeiten im Gefängnis. Sogar das haben sie gesperrt. Solche Sachen müsste die Politik verändern. Sonst gibt es nichts, wir können nichts tun. Es muss politisch etwas verändert werden, sonst bleibt es immer so.
Vor allem sollte das Amigra in diesen Situationen mit uns als Menschen umgehen. Nicht so, als wären wir nur Papier. Menschlich.
Meine Erfahrung im Amigra: jemand hat mir einmal im Büro gesagt: „wir wollen euch begraben“. Solche Sachen sind psychischer Terror. Psychische Folter. Von einem Freund habe ich gehört, dass sie ihm gesagt haben, er mache mit seiner Farbe die Schweiz schmutzig. Jeder hat eigene Erfahrungen. Manche haben Angst, diese zu sagen. Es gibt viele Sachen. Das Mindeste in solchen Situationen sollte sein, dass Ämter und soziale Dienste wie das Amigra mit Menschen als Menschen umgehen. Nicht so, als wären wir hier zu viel. Wir sollten sagen dürfen, was wir wollen. Ich hoffe, dass es in der Politik eine grosse Veränderung gibt, und dass nicht nur wirtschaftliches so wichtig ist. Ich habe das Gefühl, in der Schweiz ist Wirtschaft als erstes in der Politik. Ich finde es wichtig, dass Menschenrechte vor der Wirtschaft kommen. Ich wünsche mir, dass die Schweizer ein bisschen aufmerksam sind. Dass sie sehen, dass hier in diesem schönen Land, das viele aufgebaut haben, dass hier etwas unmenschliches passiert. Ich wünsche mir, dass sie das verstehen und versuchen, es zu verändern.“

7.)

„Leben in der Nothilfe ist schwierig und mühsam. Wir haben eine begrenzte Umgebung. Wir sind nicht frei, wir haben ganz wenige Möglichkeiten, uns zu bewegen. Wir müssen nur überleben. Das macht mit der Zeit müde, es ist ist schwierig und mühsam. Das macht Leute mit der Zeit depressiv. Wir haben keine Perspektive, wir können uns nicht bewegen, wir haben kein Geld, wir haben keine Möglichkeiten. Wir haben keinen Plan für die Zukunft. Das ist meine Meinung.
Meine Hoffnung ist, ein normales Leben zu führen, wie ein normaler Mensch. Am Morgen früh aufstehen, zur Arbeit gehen, ein ganz normales Leben. Ich möchte nicht reich sein, ich brauche nicht viel Geld. Einfach ganz normal leben, wie alle Menschen auf dieser Welt. Das haben wir hier nicht, und in unserem Heimatland sowieso nicht. Man weiss nicht, wohin zu gehen. Ich bin jetzt seit ein paar Jahren in der Nothilfe. Mit der Zeit wird es schlimmer. Jetzt ist es schlimm. Ich hatte im letzten Jahr schon mehrere Male Depressionen. Zum Glück war es nicht so schlimm. Aber das ist ganz normal. Wir sind hier seit mehr als zehn Jahren. Meine Hoffnung ist, arbeiten zu gehen oder etwas zu machen. Das ist das Minimum, das sie uns geben sollten. Meine Hoffnung ist, dass sie uns anschauen, dass sie nicht nur unsere Dossiers anschauen. Meine Hoffnung ist, dass sie die Dossiers eines Tages schliessen. Wir sind auch Menschen. Wir brauchen auch ein Leben als Menschen. Das ist meine Hoffnung.“

8.)

„Alles ist schlimm, wenn man keine Papiere hat. Ich bekomme jeden Tag 10 Franken in Gutscheinen. Aber ich darf nicht arbeiten. Man darf nichts machen hier. Ich darf nicht arbeiten, ich darf nichts sagen, ich darf nichts. Alles ist ‚du darfst nicht‘.
Alles ist verboten. Das ist ein grosses Problem. Alles ist schlimm, ich sehe keinen positiven Punkt.
Ich wünsche mir, ein normales Leben zu haben. Papiere zu haben. Ein normales Leben zu haben, wie alle Leute hier.
Leute im Amigra sagen immer: „Du musst die Schweiz verlassen, und gehen.“ Ich antworte immer: „Ich kann nicht.“
Sie sagen: „Du bist illegal und du musst die Schweiz verlassen.“
Sie wollen nicht zuhören.
Respekt ist für mich, zu zuhören und zu sprechen, nicht nur zu sprechen. In diesen fünf Jahren ist es immer dasselbe: Sie fragen, ich antworte, sie fragen, ich antworte.
Aber alles bleibt immer gleich. Sie hören mir nie zu, ich bekomme keine Antworten. Keine Hilfe, nichts. Da wird man müde zu antworten.
Ich habe mehrmals gefragt, ob ich ein anderes Zimmer haben kann, wir sind zwei in einem Zimmer. Keine Antwort. Seit zwei, drei, vier, fünf Jahren. Diese Situation macht einen kaputt.“

9.)

„Ich habe eine Busse bekommen, weil ich illegal bin in der Schweiz. Ich konnte es nicht bezahlen. Dann musste ich ins Gefängnis. Das macht mich wütend. Ich kann ohne Bewilligung nicht leben. Ich kann nicht weggehen, ich habe meine Fingerabdrücke in der Schweiz abgegeben.
Einmal hat mir jemand im Amigra gesagt: „Es interessiert mich nicht, ob Menschen bei euch sterben oder nicht.“ Manchmal habe ich das Gefühl, einige Leute haben die Menschlichkeit im Herz verloren wegen dem Gesetz. Das Gesetz ist nicht immer gerecht.
Mein Herz ist voll Schmerz, es ist hart, wie Holz. Das finde ich schlimm. Früher war es nicht so hart. Was kommt noch?“

10.)

„Wenn ich im Amigra bin, habe ich oft das Gefühl, es wird ein Spiel gespielt. Wenn jemand ein Wort sagt, wird das manchmal falsch weiter verwendet, gegen diese Person. Manchmal bringen sie Papiere, die man nicht versteht. Sie sagen, man soll das unterschreiben. Wenn man nicht unterschreibt, dann macht es jemand von ihnen.
Ich wünsche ich mir, dass alle Menschen gleich behandelt werden. Nicht so, dass Europäer und Nicht-Europäer unterschiedlich behandelt werden.
Im Amigra sagen sie dir: du kannst zurück in dein Land, du bist sicher dort. Aber es ist nicht so. Es ist nicht sicher in einer Diktatur, wo du nicht einmal eine Internetseite haben kannst. Sie sagen dir, du kannst dort leben, du musst dich ja nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Du musst dich ja nicht zum erkennen geben, du musst nicht zeigen, dass du deine Religion geändert hast. Die Situation in der Nothilfe macht mich krank. Ich musste oft den Ort wechseln. Ich musste ins Gefängnis, für mehrere Monate. Ich bekomme Bussen, ich muss bezahlen für Rekurse. Jedes mal schreibe ich zurück: Sobald ich arbeiten darf, zahle ich alles zurück, ich bin kein schlechter Mensch. Aber ich darf nicht arbeiten, wie soll ich also die vielen Bussen bezahlen?“

Für Freiheit und Gleichberechtigung